Leseprobe:

Gegen den seit Tagen andauernden Regen hatten sie eine Plane über das Areal gespannt. Dennoch mussten sie sich beeilen, die sterblichen Überreste zu sichern. In stetig ansteigenden Bäch-lein breitete sich das ohne Unterlass vom Himmel herabfallende Wasser um die Gräber aus.
Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen betrachtete Jon Johnson das Gewusel der zahlreichen Helfer, die wie Ameisen in ihrem Staat geschäftig und emsig umhereilten und keinerlei Notiz von ihm nahmen. 
Er konnte sie nicht auseinanderhalten; ein jeder von ihnen steckte in einem malertypischen weißen Plastikanzug, um keine eigenen Spuren am Tatort zu hinterlassen.
In dieser Position spannten die Verschlüsse der Regenjacke über seinem beachtlichen Bauchumfang und einige der Knöpfe drohten, der Spannung nachgeben zu wollen. Er beachtete es nicht. Die Jacke hatte ohnehin schon lange den Kampf gegen die Wassermassen aufgegeben. Er spürte, wie kleine Rinnsale seinen Rücken hinabliefen. In regelmäßigen Abständen wischte er über seine Brillengläser, um das Geschehen vor sich nicht nur verschwommen wahrzunehmen. Überraschenderweise steckten seine Füße nach wie vor in trockenen Schuhen. Aber es war nur eine Frage der Zeit bis der Regen sich auch dorthin vorarbeiten würde.
Er musste hier weg.
Er wollte weg.
Zurück in sein Büro. Ins Trockene.
Zurück nach Dublin.
Wieso hatten sie den schrecklichen Fund auch gerade jetzt machen müssen? Er wollte nur an der Verhandlung am Circuit Court in Tralee teilnehmen. Danach sollte es gleich wieder nach Dublin gehen.
Doch durchkreuzte der Leichenfund gestern Abend seine Pläne, denn man war froh, einen Staatsanwalt vor Ort zu haben, der die Bergung überwachen und die ersten Ermittlungen mit nach Dublin nehmen konnte.
Anfangs war es nur ein Toter gewesen. Ein gewöhnlicher Leichenfund. In den Wäldern auf der Halbinsel Beara, ganz weit im Westen und unendlich weit entfernt von Dublin. Nachlässig vergraben und von einem Spaziergänger entdeckt. Ein Klassiker. 
Einzig die in der Nähe stehenden Monolithen verliehen dem Geschehen etwas Unheimliches. Alte, jahrtausendealte Fels-steine der Kelten. Ordentlich in einem Kreis aufgestellt, von Moos bedeckt und teilweise eingewachsen. Doch gab es solche und ähnliche Steinkreise hier viele. 

Die Frage war, ob die Wahl des Grabes zufällig war oder eine tiefere Bedeutung hatte.
Dafür müssten sie erst herausfinden, wer der Tote war.
Männlich, zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt, Todes-ursache nicht natürlich. Es fanden sich zahlreiche Hämatome an den Hand- und Fußgelenken, die den Rückschluss zuließen, dass er gefesselt worden war und sich nicht wenig gewehrt hatte. Am auffälligsten jedoch waren die Strangulationsmale am Hals, die ganz sicher zum Tod geführt hatten. 
Nicht schön, aber nichts, was Johnson den Schlaf geraubt hätte.
Dachte er.
Es kam leider anders.
Kaum hatten sie gestern Abend die Leiche frei gelegt und geborgen, fand einer der Gardaì, der nur noch zum Aufräumen abgestellt war, weitere menschliche Überreste. Überreste, die ganz sicher nicht zu dem Toten gehörten. Dieser lag nach Aussage der Rechtsmedizinerin noch nicht lange dort, allenfalls ein paar Tage. Was sie dort jedoch fanden, war älter. Viel älter. Sie hatten Knochen gefunden.
Menschliche Knochen.
Kleine Knochen.
Knochen von Kindern.
Von Babys.
Viele Knochen.
Viele Babys.
Da standen sie nun bis heute. Legten ein Skelett nach dem anderen frei. Über ihnen das riesige weiße Zelt. 
Johnson hatte einmal ein solches Zelt in seinem Garten aufgebaut. Zur Kommunionfeier seiner ältesten Tochter, um die zahlreichen Gäste unterbringen zu können. Lange war das her. Seine Töchter waren schon seit Jahren aus dem Haus, lebten ihr eigenes Leben, feierten ihre eigenen Feste. Das Häuschen von damals war verkauft, er wollte sich heute besseres leisten, konnte sich besseres leisten. Er wohnte nun in einem schmucken, für Dublin typischen, viktorianischen Reihenhaus. Mitten in der City, in der Leeson Street. Allein der Kauf hatte ihn einige Jahresgehälter gekostet, die aufwendigen Renovie-rungsarbeiten ein weiteres. Doch es hatte sich gelohnt. Er liebte sein großes Wohnzimmer mit dem dunkelgrünen Chesterfield-Sofa, die hohen Bücherregale aus dunkelbraunem Rosenholz und den an einen Wintergarten erinnernden Anbau, in dem sich die geräumige Küche befand. Nach langen Arbeitstagen genoss er den Garten, der mit den akkurat angelegten Beeten und in Form geschnittenen Buxbäumchen auch zu einem edlen Hotel gehören könnte. Selbst die auffällige hellrote Eingangstür mit dem übergroßen Löwenkopf als Türklopfer wurde nicht selten zum Motiv der fleißig knipsenden Touristen in der Dubliner City. Er konnte stolz sein. Sein Haus war ein echter Hingucker.
Er hatte es zu was gebracht, wenn man so wollte. Dank seiner Ambitionen und seines Fleißes war er die Karriereleiter auf-gestiegen. Es fehlte nur noch ein Sprung bis zum Chief Prosecution Solicitor bei der Staatsanwaltschaft Dublin. Und den würde er auch noch schaffen. 
Leidige Angelegenheiten, wie die Überwachung eines brisanten Leichenfundes, gehörten manchmal einfach dazu. Es war immer Teil seiner Karrieretaktik gewesen, sich nicht zu beschweren, sondern einfach loszulegen. Noch nie hatte er sich davor gescheut, die Hände schmutzig zu machen. Gleiches erwartete er auch von seinen Mitarbeitern und Mitmenschen. Nicht jeder Begleiter in seinem Leben hatte damit Schritt halten können. Seine Frau war schon lange fort, und seine Sekretärin bibberte förmlich vor Angst, sobald er ihr Büro betrat.
Áine Nic Aodha, die Rechtsmedizinerin, kam auf ihn zu und unterbrach seine Gedanken. Sie steckte ebenfalls in einem der Maleranzüge, der nur ihr Gesicht freigab. Dieses war trotz der Plane wie seines nass vom nicht enden wollenden Regen.
»Ich denke, wir haben alle. Es sieht nach fünf Leichen aus. Fünf Kinderleichen. Klein. Sehr klein. Säuglinge. Dem Stand der Verwesung nach zu urteilen liegen sie seit etwa zehn Jahren hier. Vielleicht auch länger. Näheres wird die Untersuchung zeigen.«
»Kinder? Kinderleichen? Sie glauben doch nicht etwa …?« Sämtliche Farbe wich aus Johnsons Gesicht.
»Was? Was soll ich glauben?«
»Naja, Sie wissen schon …« Ein unbeschreibliches Grauen beschlich ihn.
»Ach was. Wir sind nicht in Tuam, Johnson.« Mit einer wedelnden Geste und rollenden Augen drehte sie sich um, ging zu einem Campingtisch, der am Rande des Zeltes stand, und fing an, allerlei metallene Gegenstände in einen Koffer zu räumen. Mit einem schnipsenden Geräusch zog sie sich die Handschuhe aus und warf auch sie achtlos hinein. Johnson ging ihr nach.
»Nein, das sind wir nicht. Doch Sie haben sicher mitbe-kommen, dass es nicht bei Tuam geblieben ist. Wir suchen weiter.«
Jetzt hielt die Frau in ihrer Geschäftigkeit inne und schaute Johnson an. »Wir?«
»Ja. Wir. Die Staatsanwaltschaft ist in der staatlichen Kom-mission ebenfalls vertreten.«
»Sie auch?«
»Nein, ich nicht persönlich. Aber einige meiner Kollegen.«
»Aha.« Es klang überheblich und abschätzend. Sie wandte sich ab und fuhr mit dem Aufräumen fort.
Das störte ihn im Grunde nicht. Johnson war es gewohnt, nicht die beliebteste Person im Raum zu sein. Im Gegenteil. Für gewöhnlich war es an ihm, andere überheblich und bevor-mundend zu behandeln. Es gefiel ihm, diese Rolle zu übernehmen. Er konnte es sich erlauben, andere von oben herab zu behandeln. Und er wollte es auch. Nicht oft wurde es ihm mit gleicher Münze zurückgezahlt. Es gab wenig Menschen, die ihm intellektuell gewachsen waren.
Diese Frau jedoch ließ sich von ihm nicht beeindrucken. Er musste sich noch darüber klar werden, ob es ihm gefiel, oder ob es ihm zuwider war.
»Aha? Was meinen Sie?« War er etwa unsicher? Er? Unsicher? Vor einer Frau?
Jetzt schaute sie ihn wieder an. »Nichts. War nur so hergesagt.« 
»Seit mehreren Jahren werden weitere Einrichtungen unter-sucht, Ausgrabungen vorgenommen, und sind wir mal ehrlich: Es wird nicht bei den bisherigen Funden bleiben. Es wird mehr geben.« Johnson hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.
»Das mag sein. Aber jetzt malen wir nicht gleich den Teufel an die Wand, Johnson.«
Die Rechtsmedizinerin wusste, wovon er sprach: Insgesamt wurden derzeit vierzehn Mutter-Kind-Heime in ganz Irland, auch in Nordirland, auf illegale Massengräber untersucht. Mehr als achthundert Skelette von Säuglingen und Kindern hatte man bislang gefunden, nachlässig verscharrt oder in Schuhkartons in stillgelegten Kläranlagen von verschiedenen Heimen und Einrichtungen abgelegt. Das Nonnenkloster in Tuam hatte vor sechs Jahren traurige Berühmtheit erlangt, als man dort in einem ausgedienten Abwassertank fast achthundert Kinder-leichen entdeckt hatte. 
Es hatte sich herausgestellt, dass bereits vor vierzig Jahren zwei Jungen beim Spielen Knochen gefunden und den Fund gemeldet hatten. Die Verfolgung dessen war jedoch im Sande verlaufen, da von Seiten des Ordens keinerlei Unterstützung gekommen war, und die Schwestern, die Auskunft hätten geben können, längst verstorben waren. Man hatte sich damals mit einer Segnung der Knochen durch einen Priester begnügt und die Untersuchungen eingestellt. 
Erst eine Historikerin hatte zu Beginn der Zweitausender Jahre herausgefunden, dass über viele Jahrzehnte lang fast achthundert Eintragungen verstorbener Kinder im Sterbe-register, jedoch nur eine einzige registrierte Bestattung vorgenommen worden waren. Die Untersuchungen waren wieder aufgenommen worden, und die ersten katastrophalen Funde wurden gemacht.
Eine staatliche Untersuchungskommission ermittelte nun zweifelhafte Vorgänge in diversen Heimen und den so genannten Magdalen-Laundries. Heime und Einrichtungen, in denen vor Jahrzehnten im katholischen Irland unverheiratete, schwangere Frauen oder Prostituierte zur Besserung unter-gebracht waren. Oft waren die Zustände von mangelnder Hygiene, Ausbeutung der Frauen und einer hohen Sterblich-keitsrate der Babies und kleinen Kinder geprägt, und viele der Verstorbenen hatte man einfach verscharrt oder in der Kanalisation entsorgt. 
Bis heute verlief die Aufklärung schleppend und Befragungen gestalteten sich schwierig, weil es um Vorfälle seit den Zwanziger Jahren ging, Zeitzeugen nur noch wenige vorhanden waren und ihnen viel Ignoranz entgegenschlug. Erst kürzlich erzählte ein Kollege Johnson von einer Nonne, die die Befragung mit dem Kommentar, »Wenn da Knochen liegen, dann lasst sie doch da liegen«, ablehnte. Im Übrigen, überlegte er, bewegte sich die Reaktion der Rechtsmedizinerin sehr nah an eben der Ignoranz.
Wie dem auch sei, galt sein einziger Gedanke den noch auf ihre Entdeckung wartenden Kinderleichen. Er hoffte inständig, dass er nicht auf eines dieser Gräber gestoßen sein könnte.
»Es kann schon sein, dass weitere Funde gemacht werden. Aber schauen Sie, wo wir hier sind.« Nic Aodha machte eine Geste mit beiden Händen und schloss die Umgebung mit ein. »Wir sind mitten in der Natur. Außer ein paar Cottages, alten Ruinen und einigen Ferienhäusern finden Sie hier im weiteren Umkreis nichts. Kein Mutter-Kind-Heim, kein Kloster, nichts. Also, ich denke, es ist unwahrscheinlich, dass wir hier auf ein Tuam gestoßen sind.«
Hoffentlich, dachte Johnson. Er kramte seine gewohnte Überheblichkeit heraus, straffte die Schultern und gab klare Anweisungen. »Gut. Dennoch haben wir hier fünf Kinder-leichen. Skelettierte Leichen. Mit dem Körper eines älteren Mannes darüber. So wie es ausschaut, sollten demjenigen, der ihn dort begraben oder verscharrt hat, die Schätze darunter bekannt gewesen sein. Er kann sie nicht übersehen haben. Das ist kein Zufall. Dann sehen Sie mal zu, dass wir so schnell wie möglich an die Ergebnisse kommen und aufklären können, womit wir es hier zu tun haben.«