Spaghetti mit Tomatensauce

Jennifer war acht Jahre alt, als es das erste Mal passierte. Ihr Leben lang würde sie es nicht mehr vergessen. Damals kümmerte sie sich mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester um den Großteil des Haushalts. Sie kauften ein und räumten die Wohnung auf. Wenn auf dem Platz vor ihrem Haus Markt war, stahlen sie auch etwas. Sie aßen, wenn sie Hunger hatten, gingen abends früh ins Bett und stellten den Wecker, um morgens nicht zu verschlafen und rechtzeitig in der Schule zu sein.

Auf ihre Mutter Anke konnten sie sich nicht verlassen. Sie stand erst gegen Mittag auf, wenn die Mädchen in der Schule waren. Abends ging sie fort und kam spät in der Nacht betrunken nach Hause. Nur an wenigen Tagen versuchte sie, ihren Kindern ein Abendessen zu bereiten oder morgens mit aufzustehen. Dann gab es so etwas wie ein Familienleben. 

Oft kam das Jugendamt zu ihnen und nahm beide Mädchen mit. Dann trank Anke weniger, gelobte Besserung und konnte ihre Kinder wieder mit nach Hause nehmen. Jennifer wollte nicht in den Kinder- und Jugendnotdienst. Dort war es dreckig, laut, die Betten klamm und es roch unangenehm. Die anderen Kinder ärgerten sie. Sie beschimpften sie, weil sie eine dunkle Hautfarbe hatte. Ihren Vater kannte sie nicht, aber ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass er aus Ghana gewesen und noch vor ihrer Geburt wieder abgeschoben worden sei. Jennifer hatte ihn nie kennengelernt. Ihre Mutter brachte wechselnde Liebhaber nach Hause. Von den meisten kannte sie nicht einmal den Namen.

Nur bei Olaf war es anders. Er wohnte im Eingang nebenan und war oft bei ihnen. Er war sehr freundlich, kochte für sie. Häufig Spiegeleier mit Kartoffelbrei und Gurkensalat oder auch Schnitzel mit Kartoffeln. Am liebsten mochte Jennifer seine Spaghetti mit Tomatensauce und kleinen Wurststückchen. Er trank viel. Gemeinsam mit ihrer Mutter. Gelegentlich erwischte Jennifer sie beim Sex auf der Couch im Wohnzimmer oder in der Badewanne. Das gefiel ihr nicht. Aber er war nett zu ihnen, fragte sie nach der Schule und ihren Freunden. 

So ahnte Jennifer nichts Schlimmes, als ihre Mutter ihr befahl, zu Olaf rüber zu gehen. Sie wusste, ihre Mutter musste nach dem gestrigen Abend einen fürchterlichen Kater haben. Vermutlich ertrug sie das laute Spiel der Schwestern nicht. Also fuhr Jennifer mit dem Aufzug die acht Etagen runter, lief die paar Meter zum nächsten Hauseingang und fuhr dort vier Etagen mit dem Aufzug zu Olafs Wohnung hoch. Es war ein warmer Sonntag Morgen. Sie hatte noch ihren Schlafanzug an. Er erwartete sie. Seine kleine Wohnung bestand nur aus einem einzigen Raum, einem Badezimmer und der Küche. In dem Raum stand ein Bett, das unordentlich und schmutzig wirkte. Es war von dem Rest des Zimmers durch ein Regal abgegrenzt. An dem großen Fenster hingen die Gardinen schief und wirkten dreckig. Sie sahen so staubig aus, dass Jennifer nur vom Hinschauen ein Kribbeln in der Nase verspürte und niesen musste. Draußen schien die Sonne und es war schon morgens herrlich sommerlich warm. Alles hier drin war so konträr zu draußen. Sie wünschte sich fort aus diesem schmutzigen Raum.

Plötzlich ging alles schnell. Sie kniete vor dem Bett, das so unangenehm roch wie es aussah und lag nach vorn gebeugt mit dem Gesicht tief in das Kissen gedrückt. Er sagte, wenn es weh täte, wäre das normal und sie müsse ihr Gesicht nur tiefer in das Kissen drücken. Sie ließ ihn gewähren, weil er sagte, dass es so sein müsse. 

Es tat höllisch weh. 

Danach wischte er sie mit einem Handtuch trocken und sagte, sie solle keinem etwas erzählen. Das kam für sie jedoch nicht in Frage. Sie ging zu ihrer Mutter und erzählte, was Olaf getan hatte. Ihre Mutter glaubte ihr nicht.

„Was du wieder erzählst“, war ihre Antwort. 

So war Jennifer auf sich gestellt. 

Es passierte noch fünf weitere Male. 

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