Ein unverwechselbares Bild: Irland von oben. Rechteckige, grüne Quadrate, so weit das Auge reichte. Die Grenzen zwischen den Feldern wie mit dem Lineal gezogen. Mitten im Grün zahlreiche Schafherden als winzige weiße Pünktchen. 

Lene war schließlich erfolgreich aus der Debatte hervorgegangen. Anna wusste nicht mehr genau, wie das passiert war, aber sie hatte tatsächlich Lenes Ratschlag befolgt und den Job angenommen. 

Als hätte sie die ganze Zeit neben sich gestanden, zerronnen die nächsten Stunden in ihren Fingern und Anna saß keine dreißig Stunden später im Flieger. 

Im Hotel angekommen, ließ sie sich mit ausgebreiteten Armen auf das ausladende Bett mit dem Baldachin fallen. Die barocken Kerzenleuchter an den Wänden und die mit verschnörkelten Goldbeschlägen verzierten Nachttischchen betonten den in jeder Ecke des Zimmers präsenten Renaissance-Stil der Einrichtung. Die großformatigen Bilder an den weißen Wänden zeigten antike Stadtpläne oder mit Öl auf Leinwand gebannte Jagdszenen aus vergangenen Jahrhunderten von vermutlich bekannten Malern, gerahmt in aufwendig verzierte, vergoldete Rahmen. Mit Kunst kannte sich Anna nicht aus. Sie fand die Bilder einfach schön. Auf dem runden Tisch am Fenster, das auf das Regierungsgebäude des Taoiseach zeigte, stand ein Blumenbouquet aus weißen Rosen, Lavendel und hellrosa schimmernden Dahlien. Es verströmte einen subtilen, einzigartigen Duft, der passend zu dem windigen und ungemütlichen Wetter draußen vor dem Fenster das Ende des Sommers ankündigte. Anna strich über die Tagesdecke, die das ganze Bett bedeckte. Darauf war ein rüschenverzierter Kissenberg drapiert. Wer benötigt schon derart viele Kissen zum Schlafen? Sie würde sie später alle auf den Boden werfen müssen, denn sie schlief ohne ein Kopfkissen. Ihre Fingerkuppen fuhren über die zarten Linien der aufwendigen Stickereien auf der Tagesdecke. Vor vielen Jahren hatte sie selbst eine übergroße Tagesdecke für ihre Couch gestrickt, aus übergroßem Garn. Noch heute konnte sie sich an die aufwendige Arbeit, das monotone Geklapper der Stricknadeln, die immer gleichen Handbewegungen erinnern. Sie war beeindruckt von dieser Decke. Sicher stammten die Stickereien nicht von Hand, sondern waren maschinell auf die Decke gezaubert; dennoch war es eine aufwendige und akribische Arbeit.

Annas Füße taten weh. Sie war müde und hungrig. Das Bett sah sehr gemütlich aus. Ob sie sich ein paar Minuten Schlaf gönnen oder erst einmal etwas essen sollte? Der Hunger siegte schließlich über die Müdigkeit und sie beschloss, etwas essen zu gehen. Sie duschte, zog zum eleganten Hosenanzug bequeme Turnschuhe an und trat auf die Straße. 

Katharina hatte das Hotel für sie gebucht. 

Gute Wahl, dachte Anna. Ich hätte es nicht besser wählen können.

Das Merrion Hotel galt als eines der ältesten Gebäude südlich der Liffey, überlegte Anna. Von irgendeinem Earl of Was-weiß-ich gebaut. Eine braune, einfache, puristische Fassade, die Inneneinrichtung jedoch einzigartig luxuriös und pompös wie viele der georgianischen Häuser der Gegend. Zu der Zeit vor über zweihundert Jahren bauten sich die reichen Bürger der Stadt, meist englische Adlige, riesige Häuser, die von außen schlicht und bescheiden aussahen, innen aber mit allem Schick und Luxus ausgestattet wurden. So auch dieses Hotel. Sehr elegant, mit allem Pomp ausgestattet, hervorragende Lage. Sie wusste, dass sie nur ein paar Minuten vom St. Stephen’s Green, dem größten Park mitten in der Stadt, entfernt war. 

Ein sich manieriert bewegender Portier im schwarzen Frack, mit Zylinder und blütenweißen Handschuhen öffnete die Drehtür und Anna befand sich inmitten des pulsierenden Lebens der irischen Metropole. 

Das Wetter hatte, wie so oft auf der Insel, schlagartig umgeschlagen. Der Wind blies die letzten Wolken weg. Die Sonne beherrschte den Himmel und schickte ein bisschen Wärme. Anna ließ den Mantel offen, setzte ihre Sonnenbrille auf, zündete sich eine Zigarette an und schlenderte nach links, vorbei an zahlreichen Imbissläden. Sushi, Burger, ein veganes Restaurant. Alles nicht nach Annas Geschmack. Sie ging weiter, sich durch wahre Massen an Touristen, Geschäftsleuten in schwarzen Anzügen und mit Aktentaschen, schiebend. 

Am berühmten Shelbourne Hotel, das es mit dem Merrion leicht aufnehmen konnte, hielt ein ähnlich gekleideter Portier die Tür auf für zwei Frauen gehobenen Alters, die nach einer offenbar erfolgreichen Shoppingtour mit Einkaufstaschen von Chanel, Prada und Louis Vuitton bepackt waren. Vor dem Hotel erblickte Anna zahlreiche Autos mit der berühmten Kühlerfigur „Emily“ auf der Motorhaube.

Mit einem Rolls Royce bin ich noch nie gefahren, dachte sie flüchtig. Ein gelber Bus in Form eines Wikinger-Schiffes fuhr vorbei, dessen Insassen sie mit einem lauten Kampfgeschrei erschreckten; eine bei Touristen sehr beliebte Sightseeing-Tour der etwas anderen Art. Alle Teilnehmer hatten Helme auf dem Kopf mit Hörnern an den Seiten, wie sie die früheren Bewohner der irischen Insel wohl getragen haben mochten. 

Damit würde ich nie fahren. 

Die Handtasche eng an den Körper gedrückt lief Anna weiter, blieb kurz am Eingang zur Grafton Street stehen, um einen Blick in die berühmte Einkaufsstraße zu werfen, wo sich Tausende von Menschen an zahlreichen Künstlern, die tanzten, artistische Kunststücke aufführten, sangen oder die Pflastersteine bemalten, vorbeischlängelten. Nahezu jedes der zahllosen Geschäfte hatte sich anlässlich des bevorstehenden Feiertages mit gruseligen und schauerlichen Dekorationen herausgeputzt. Halloween gehörte zu den größten Festen auf der Insel; die ganze Stadt widmete sich der Jahrtausende alten Tradition. In Irland im Allgemeinen und Dublin im Besonderen nahm das Fest gegen Ende des Oktobers einen besonderen Platz im Jahr ein. Es ging zurück auf heidnische Brauchtümer zur Ehrung der Toten und armen Seelen auf der Insel. Einige Historiker waren überzeugt, dass All Hallows Eve schon seit Jahrtausenden unter den Kelten, den früheren Bewohnern der Insel, gefeiert wurde. 

Anna entdeckte menschengroße Ballons in Form von schaurig aussehenden Hexen, Skeletten und orangefarbenen Kürbissen mit unheimlichen Gesichtern. Dieses Gewimmel war ihr zu viel. Sie eilte weiter. Nach ein paar Metern bog sie rechts in die Williams Street ab. Ihrer Erinnerung nach gab es dort einige nette Restaurants. 

Anna saß auf einer Bank am Fenster eines kleinen, noch leeren Pubs und blickte auf das Durcheinander der Menschen auf der Straße. Bunte Figuren, ein jeder mit seinen Angelegenheiten beschäftigt. Sie bestellte ein Steak, medium, mit Avocado-Salat und gerösteten Zwiebeln. Während sie auf das Essen wartete, schrieb sie Katharina, dass sie angekommen war. Ein paar Sekunden später summte ihr Telefon. Eine Nachricht von Katharina.

Ich bin halb vier mit einem Garda verabredet. Können Sie dazukommen? Ich schicke Ihnen unseren Wohnort. VG. Katharina.

Ein erneutes Summen war zu vernehmen und auf ihrem Display erschien der kleine Ausschnitt einer Karte mit einem roten Pfeil als Markierung. Katharinas Wohnort. Dort musste sie hin. Anna klickte auf die Karte, die sich in ihrer Maps-App öffnete. Mit Daumen und Zeigefinger verkleinerte Anna den Ausschnitt. Offenbar musste sie nach Clonskeagh, in ein Wohngebiet etwa fünf Kilometer von der City entfernt.

Nach dem opulenten Lunch beschloss Anna, noch eine Runde zu laufen und sich dann am St. Stephen’s Green ein Taxi zu nehmen. 

Sie lief zügig in Richtung Temple Bar. Nach dem langen Sitzen in Flugzeug und Bus und dem reichlichen Essen tat ihr die Bewegung sehr gut. Das vor allem bei den Touristen beliebte Ausgehviertel war tagsüber nett, aber unscheinbar. Bei ihrem letzten Besuch, der nun schon mehr als zehn Jahre zurücklag, hatte sie die mannigfaltigen und zahlreichen Pubs bei Nacht erlebt. Wie eine nie enden wollende Party strömte nachts das Leben in den schmalen Gassen von einer Bar zur nächsten. Feiernde und lustige Menschen aller Nationalitäten und jeden Alters mit nur einer einzigen Gemeinsamkeit: Sie wollten das Leben genießen und Spaß haben. 

Für einen kurzen Moment kam ihr ein Bild des letzten Besuches auf der Insel in den Kopf, verschwommen und unvollständig, als würde ein alter Diafilm vor ihrem Auge ablaufen. Eine Woche Wandern, Erholen, Luftholen und Krafttanken. Mit Chris. Den ersten Tag ihres Urlaubs hatten sie hier in Dublin verbracht. Sich an den Händen haltend waren sie durch die Gassen geschlendert, hatten zu viel Guiness und Cider getrunken, miteinander gealbert, gelacht, sich von den fröhlichen Menschen und bunten Bildern der Stadt berauschen lassen. Erst in den frühen Morgenstunden waren sie in ihr kleines Bed-and-Breakfast zurückgekehrt, hatten sich trotz Müdigkeit und Alkoholrausches lange geliebt und fast den ganzen Vormittag geschlafen. Aus heutiger Sicht erschien ihr die Zeit damals unbeschwert und glücklich. Wer hätte ahnen können, wie anders ihrer Leben verlaufen würde. 

So viele Jahre war das her. Als noch alles in Ordnung war. Vor dem Unfall. 

Bevor das Schicksal sie mit dreißig zur Witwe machte und ihr Leben zerstörte. 

Anna schüttelte den Kopf. Als wären Erinnerungen nur Staubkörnchen, die man einfach abschütteln könnte. Die schönen Erinnerungen waren immer gepaart mit der Erkenntnis, dass dies alles vorbei, zerstört war. Das eine gab es nicht ohne das andere. So wie sie bei jeder Zigarette wusste, dass sie das Rauchen aufgeben sollte. Jeder genussvolle Zug wurde von einem schlechten Gewissen begleitet. So war das in ihrem Leben, alles Gute wurde von dem Gedanken getrübt, dass nichts gut war, es immer eine Schattenseite gab. 

Um die Menschenmassen in der Grafton Street zu umgehen, schlug Anna eine Seitenstraße ein. Sie erinnerte sich entgegen ihren Vorsätzen an einen Kaffee, den sie auf den unbequemen Stühlen vor dem Café Bestseller getrunken hatten. Und an die Bleistiftzeichnung, die sie von einem der Künstler gekauft hatten, die vor dem St. Stephen’s Green ihre Arbeiten anboten. In irgendeinem Karton auf dem Dachboden in ihrem Haus in Berlin lag das Bild, um das sie Chris damals regelrecht anbetteln musste, weil er es für Kitsch und völlig überteuert gehalten hatte. 

Die Flut an Erinnerungen hatte Anna völlig unterschätzt. Es gab in dieser Stadt einfach zu viele Ecken, die eine Erinnerung auslösen konnten. Jede Erinnerung begleitet von dem Schatten, den das Schicksal darüber ausbreitete.

Konzentrier dich. Es war definitiv nicht die rechte Zeit für selbstmitleidige oder selbstzerstörerische Erinnerungen. 

Sie stieg in ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse.

Die Fahrt führte an dem großen Areal des St. Stephen’s Green vorbei, der vollständig umzäunt war mit einem schmiedeeisernen Zaun, dessen Pfähle wie schwarze, auf Hochglanz polierte Speerspitzen bedrohlich in den Himmel ragten. Von der Straße aus führte kein Blick in das Innere des hübschen Parks; ein wildes Dickicht aus wuchernden Büschen und hohen, uralten Bäumen ummauerten ihn vollständig. Der Fahrer bog ab und sie fuhren eine lange Straße entlang, die die irische Metropole in jedem Reiseführer symbolisieren könnte: links und rechts nur durch schmale Gassen unterbrochene Häuserreihen aus rotem Backstein, ein Eingang neben dem anderen mit aufwendig geschnitzten Holztüren, die sich lediglich in ihren Farben unterschieden, und hohen, einfach gearbeiteten Fenstern. Breite, von eisernen Geländern umrahmte Treppen führten zu den Eingängen. Viele der Häuser schienen erst unlängst aufwendig renoviert; alles wirkte sauber und schick. Hinter der nächsten Kreuzung erinnerte die Gegend plötzlich an einen Vorort. Die Straßen waren breiter. Die Häuser wirkten familiärer, große Familienautos standen in den Einfahrten neben Fahrrädern oder den in Dublin sehr beliebten Elektrorollern. Das Wohnviertel wirkte sehr ordentlich und sauber. Ein Häuschen schmiegte sich an das nächste, davor kleine, überschaubare Vorgärten. 

Familiäre Idylle.

Vorstadt-Behaglichkeit.

Früher hätte sie eine solche Gegend als kleinbürgerlich bezeichnet.

Ganz früher.

Heute wohnte sie selbst in ähnlich spießiger Umgebung. Klar, als Chris und sie sich für das riesige Haus in Grunewald entschieden hatten, waren sie noch voller Pläne für eine Zukunft mit Kindern, Gartenpartys und Drittauto. Wie es sich gehörte. Die Straße lag ruhig. Nur Anwohner durften sie befahren. Große Kastanien und Eichen säumten die schmalen Gehwege. Die auf den ersten Blick eckig und kompakt wirkende Villa stammte wie viele der Nachbarhäuser aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und hatte sie viel Geld gekostet. Sie hatte in ihrer Festanstellung bei der Regierung gut verdient und Chris war ohnehin als Staatsanwalt und Beamter mit einer guten Bonität gesegnet, sodass es kein Problem gewesen war, die Bank zu überzeugen. Vier Stufen führten auf eine kleine Veranda, auf der früher Hortensien in Terrakotta-Krügen standen. Jetzt waren dort riesige Haufen von Laub aufgetürmt. Im Untergeschoss hatten sie Wände herausgerissen und sich einen geräumigen Wohn- und Essbereich geschaffen, mit einer offenen Küche und Kücheninsel. Alles in Weiß und Grau, ausgenommen das dunkelgrüne Sofa und die Sitzkissen der Stühle um den Eichentisch, welche im gleichen Ton gehalten waren. Den Esstisch, an dem bequem acht Personen zu Abend essen konnten, hatte ihnen ein bekannter Tischler aus dem Spreewald gezimmert. Er hatte ein kleines Vermögen gekostet, war dafür ein echter Hingucker. Im Obergeschoss hatten sie neben dem großen Schlafzimmer und begehbaren Kleiderschrank zwei Kinderzimmer eingeplant, die mit einer zweiflügeligen Tür miteinander verbunden waren. Eines der Zimmer hatte sie schließlich zum Bügelzimmer umfunktioniert, in dem nur das Bügelbrett stand. Das andere Zimmer stand leer. Sie hatten Pläne gehabt, wie es eingerichtet werden sollte, dieser Traum war jedoch jäh geplatzt. Bis heute konnte sie es nicht mehr betreten. 

Im nicht besonders großen, aber wunderschönen Garten mit altem Baumbestand, verwunschenen Hecken und einem kleinen Gartenhäuschen wurden nur wenige Male gemütliche Gartenpartys gefeiert. Heute verwilderte er. Zwei Mal im Jahr kam Annas Vater aus dem Spreewald und mähte den Rasen, beschnitt die Sträucher und Bäume. Sie würde sonst einwachsen und eines Morgens nicht mehr aus der Tür hinaustreten können, befürchtete er. Anna war das nicht recht. Sie wusste, dass ihr Vater altersbedingt nicht mehr in der Lage war, sich um ihren Garten zu kümmern, aber er nahm dies als Gelegenheit, seine Tochter, die ihn nicht sonderlich oft besuchte, zu sehen. Seit ihre Mutter vor fünf Jahren gestorben war und ihr Vater mit seiner Jugendliebe zusammenlebte, fiel es Anna schwer, in ihre Heimatstadt zu fahren. Sie freute sich, ihren Vater zu sehen, nicht aber sein aufgetakeltes Anhängsel mit den langen Fingernägeln und hohen Absätzen. So blieb es ein stilles Arrangement zwischen Vater und Tochter und beide taten so, als wäre es selbstverständlich. Sie sahen sich mindestens zwei Mal im Jahr und Annas Garten sah nicht ganz so verwahrlost und wild aus. 

Viel Zeit verbrachte Anna nicht in ihrem Haus. Sie arbeitete viel. Dennoch fühlte sich sehr wohl und vertrieb aufkommende Gedanken an einen Verkauf schnell wieder. Aus einem Grund, den sie noch nicht tiefer ergründet hatte, wollte sie es nicht, noch nicht aufgeben und kam immer gern nach Hause. 

Auch hier in einem der exquisiten Viertel Dublins kostete ein Haus ein nicht unwesentliches, teils siebenstelliges Vermögen, das wusste Anna. Katharinas Mann Eric verdiente seit vielen Jahren mit Immobilien seine Brötchen, hatte von dem Keltischen Tiger, wie das exorbitante wirtschaftliche Wachstum des Landes in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts und zweitausender Jahren genannt wurde, immens profitiert. Die sich anschließende weltweite Finanzkrise vor zehn Jahren hatte er dank kluger globaler Investitionen mit überschaubaren Verlusten überstanden und sein Unternehmen danach wieder auf goldene Bahnen bringen können, seit die Wirtschaftssituation sich in den vergangenen vier Jahren wieder erholte. Irland gehörte mittlerweile zu dem Land mit dem größten Wirtschaftswachstum in Europa. Zahlreiche internationale Konzerne betrieben ihre Europazentralen in der irischen Hauptstadt und lockten Experten und Jobsuchende aus der ganzen Welt in Scharen an. Von Katharina wusste Anna, dass Erics Erfolg sich von Tag zu Tag potenzierte. 

Finanzielle Engpässe gehörten nicht zu den Problemen der Familie. 

Das Taxi hielt vor einem hübschen Haus, das kleiner als erwartet schien, mit einem mit hellen Kieseln ausgelegten Vorgarten, gesäumt von noch in voller Blüte stehenden Hortensien. Eine stattliche Palme am Eingang dominierte den sonst eher schlichten Vorgarten. Anna ging vorbei an einem schwarzen, auf Hochglanz polierten Jaguar und klopfte an die mit bunten Fenstern und aufwendigen Schnitzereien verzierte Eingangstür. Eine kleine Hexe mit einer krummen Nase und einem spitzen, orangefarbenen Hut auf einem Besen sitzend hing als Halloween-Dekoration an der Tür. Im Vergleich zu den anderen Vorgärten, die mit künstlichen Spinnweben über den Büschen, Skeletten mit blinkenden Augen und aufwendig geschnitzten gigantischen Kürbissen geschmückt waren, fiel die saisonale Dekoration an diesem Haus eher spärlich aus. 

Schwungvoll ging die Tür auf. Vor ihr stand eine zierliche Frau in einer hellblauen Chino-Hose und weißer Bluse, silberne Ballerinas an den Füßen, sehr geschmackvoll und apart gekleidet. Tiefe Ringe lagen unter ihren Augen. 

„Hallo Katharina, wie geht es Ihnen?“ Sie streckte die Hand nach ihrer Mandantin aus, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hatte und deren Sohn nun verschwunden war.

Zu ihrer Überraschung kam Katharina einen Schritt auf sie zu und umarmte sie. „Schön, dass Sie da sind.“

Anna folgte der Hausherrin durch einen kurzen Flur, vorbei an einer schmalen, steil nach oben führenden Treppe in einen großen und hellen Raum, der Küche und Esszimmer umfasste. An den Wänden hingen in silberne Rahmen eingefasste Fotografien der Familienmitglieder und kunstvolle Schwarz-Weiß-Bilder von Reisen in bekannte europäische Städte. Anna entdeckte den Pariser Eiffelturm, die Prager Karlsbrücke und die Berliner Mauer. Bodentiefe Schiebetüren führten auf eine breite Terrasse mit einer gemütlichen Gartenschaukel, einem ausladenden Gartentisch und zahlreichen Buchsbäumen in futuristisch aussehenden Töpfen. Die Fensterscheiben zierten bunte Fensterbilder mit Kinderzeichnungen von Bäumen, Zwergen und Pilzen. Dahinter eröffnete sich ein schöner, gepflegter Garten mit großen, alten Bäumen, einem gigantischen Walnussbaum in der Mitte, einem kleinen Fußballtor und zahlreichen herumliegenden Bällen.

An einem großen und schweren Eichentisch, der Platz für zehn Gäste bot, saß ein großer, dunkelhaariger Mann in der typischen dunkelblauen Uniform der Garda, der irischen Polizei. Ein Funkgerät und ein iPhone lagen vor ihm auf der dunkelgrauen, blank gescheuerten Tischplatte. Auf Letzterem tippte er gerade eine Nachricht. Als er sie bemerkte, erhob er sich und streckte ihr seine Rechte entgegen. Fast erschrak sie, da er immer größer zu werden schien. Eine warme und kräftige Hand umschloss ihre und schwarze, durchdringende Augen lächelten sie an. 

Katharina machte eine einladende Geste in seine Richtung. „Das ist Garda Benjamin Black. Ben, das ist meine Anwältin aus Deutschland, Anna Schwarz.“

Den dreien wurde augenblicklich die Namensverwandtschaft zwischen Black und Schwarz bewusst und sie lachten verhalten. Black erklärte: „Wir können Deutsch miteinander reden. Ich spreche Ihre Sprache.“

„Das ist fabelhaft.“ Trotz ihres exzellenten Englisch-Niveaus empfand Anna es als angenehmer, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten. 

„Setzen Sie sich.“ Katharina zeigte auf einen Stuhl an der Stirnseite des Tisches. „Ich mache gerade Kaffee. Sie trinken auch einen mit, Anna?“

„Liebend gern. Danke.“

Geräuschvoll, mit schnellen und routinierten Handgriffen setzte Katharina die Kaffeemaschine in Gang, stellte Tassen, Zucker und Milch bereit. Sie bewegte sich schwungvoll, keine Spuren von Anspannung oder Belastung waren sichtbar. Für einen außenstehenden Dritten hätte diese Situation auch ein gemütliches Kaffeekränzchen unter Bekannten darstellen können. Bis auf ihre dunklen Augenränder verriet nichts an dieser Frau, welche Qualen sie im Moment ausstehen dürfte. Black faltete die Hände auf dem Tisch und wandte sich an Anna. „Es freut mich, Sie kennenzulernen. Mrs. Bowen hat mir schon viel von Ihnen erzählt. Wir befinden uns in einer ausweglosen Situation. Ich kann Ihnen gern den Sachstand mitteilen.“

Anna fielen wieder die großen Hände des Garda auf, während sie aufmerksam zuhörte. Der Garda hatte eine durchdringend tiefe Stimme, sprach langsam und mit einem kaum merklichen Akzent. Anna nahm sich vor, ihn bei Gelegenheit zu fragen, wo er so gut Deutsch gelernt hatte. Sie konnte verstehen, warum Katharina sich gerade einigermaßen wohlfühlte, gemessen an den Dingen, die passiert waren. Die sparsamen Gesten und die beruhigende Stimme des Erzählers strahlten Trost und Kraft aus.

Statt wie erhofft ihr den Stand der Ermittlungen umfassend darzulegen, kam der Garda knapp, aber direkt zuerst auf ihre Person zu sprechen. „Mrs. Bowen erzählte mir, Sie kennen sich mit Kinderentführungen aus? Und haben ausreichend Erfahrung mit Observation und Ermittlung? Als Anwältin? Wie das?“

Du fällst gleich mit der Tür ins Haus. Anna fühlte sich überrumpelt und überlegte, wie sie das Thema elegant umschiffen konnte. Aus vielerlei Gründen ging sie mit ihrer Vergangenheit als Ermittlerin beim deutschen Geheimdienst ausgesprochen selten hausieren. Es war ihr grundsätzlich nicht verboten, zu erzählen, dass sie beim Bundesnachrichtendienst angestellt gewesen war, lediglich bezüglich der Details ihrer Aufgaben unterlag sie bis heute strengen Sicherheitsauflagen. Die hiesige Situation erschien ihr allerdings keineswegs geeignet, um dies darzulegen. Andererseits kam sie wohl nicht umhin, sich vor dem Garda rechtfertigen und beweisen zu müssen. Sonst, befürchtete sie, würde sie nicht an die begehrten Informationen kommen.

Also griff sie auf ihre Standardformulierung zurück, die sie seit Jahren verwendete, wenn das Thema auf ihre brisante Tätigkeit kam. „Ich habe als Juristin in einer Verwaltungsstelle der Regierung gearbeitet.“ Sie ergänzte heute: „Ich arbeitete in einer staatlichen Stelle, die sich mit dem internationalen Menschenhandel und Zwangsprostitution befasste. Eine Zusatzausbildung und Erfahrungen im Nahkampf, in der Observierung und anderen investigativen Möglichkeiten versprachen bessere Karrierechancen.“ Anna lächelte schüchtern, um das Gesagte weniger gehaltvoll erscheinen zu lassen. 

Doch Black war offenbar schlauer, als sie dachte. „Für mich hört sich das nach BND an. Aber das soll uns nicht weiter interessieren. Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ 

Das schien er tatsächlich ernst zu meinen, was ihn in Annas Achtung erheblich steigen ließ. Mehr Kopfzerbrechen bereitete ihr, woher Katharina von ihrem Job beim BND gewusst hatte. Sie hatte bereits am Telefon bestimmte Andeutungen gemacht. Was, wie viel und vor allem woher wusste Katharina?

Doch jetzt war weder der geeignete Zeitpunkt noch der richtige Ort für die Erörterung dessen. Anna kam ohne Umschweife zur Sache. Die Zeit war zu kostbar. Sie mussten handeln. „Katharina, Sie sagten, es habe bereits Durchsuchungen gegeben? Bei wem?“

Katharina verteilte die Tassen mit heiß dampfendem und leicht bitter duftendem Kaffee und setzte sich auf die andere Seite des Tisches links neben Anna, sodass sie dem Garda gegenübersaß. Wieder war Anna überrascht, dass Katharina sich derart geschmeidig und entspannt bewegte und verhielt; für eine Mutter, deren Kind seit fast einer Woche vermisst wurde, schien sie sehr gefasst. 

Bewundernswert. 

Viele Mütter waren ihr schon begegnet, deren Kinder entführt, missbraucht oder vernachlässigt worden waren. Mütter, die es als belanglos abtaten, was passiert war. Solche, denen es egal war. Mütter, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren oder die zu viel Angst vor dem Leben hatten, als dass sie sich um ihre Kinder kümmern könnten. Auch Mütter, die sich hysterisch verhielten, die nicht mehr klar denken konnten. Das Verhalten der Menschen in dramatischen Situationen ist so vielfältig wie die Ereignisse, die diesen jeweils zugrunde lagen. Ihr Gegenüber gehörte zu einer seltenen Art, die ihren Alltag weiterlebte, entspannt wirkte, weil der Alltag nun mal weiterging, weil es nicht anders ging. Katharina hatte zwei weitere Kinder, um die sie sich kümmern musste, eines davon schwerbehindert. Sie konnte es sich nicht leisten, sich gehen zu lassen, in Selbstmitleid zu verfallen.

Trotzdem schlich sich ein Tränenschleier über ihre Augen und sammelte sich im unteren Lid als kleiner See. „Eóin hat vor sechs Tagen die Schule in Dundrum verlassen. Gegen fünfzehn Uhr. Gewöhnlich geht er mit seinem Bruder nach Hause. Das sind etwa eineinhalb Kilometer.“ Sie schluckte und fuhr fort. „Seit vier Jahren geht er auf eine besondere Schule, die sich hervorragend um seine Defizite im Schreiben und Lesen und Rechnen kümmert. Sie würden ihn heute nicht wiedererkennen, Anna. Er schreibt gute Noten. Er kommt gut klar. Hat Freunde. Da mache ich mir um Kilian mehr Sorgen. Er ist rebellisch, buhlt um Aufmerksamkeit. Sowohl unter seinen Mitschülern als auch hier zu Hause.“

Anna schaute von ihrem Notizbuch auf. Sie bemerkte das Strahlen in den Augen der Mutter, die über ihr Kind sprach. Der Tränenschleier war verschwunden. Katharina redete mit Stolz in der Stimme. Das war nicht immer so gewesen. Anna erinnerte sich, dass Katharina damals mit sich und der Welt gehadert hatte, unzufrieden und trübsinnig in die Zukunft geschaut hatte. Eóin war nie ein einfaches Kind gewesen. Er hatte spät laufen und sprechen gelernt und Schwierigkeiten im Kindergarten mit den anderen Kindern gehabt. Sein Zwillingsbruder Kilian war ihm keine große Hilfe gewesen. Rebellisch und laut war dieses Kind ihr in Erinnerung. Hinzu kam Aylin, die die ganze Aufmerksamkeit der Eltern brauchte. Zu allem Überfluss dann noch die Geschichte mit der Glasscherbe und hatte die schreiende Ungerechtigkeit komplettiert. 

Das Schicksal ist ein Arschloch. 

Ein Gedanke, der auch Annas Leben regelmäßig begleitete.

Black beugte sich mit auf dem Tisch gefalteten Händen nach vorn und wandte sich an Anna mit einem sparsamen Lächeln in den Mundwinkeln. „Kilian hatte an dem Tag länger Unterricht. Eóin ging allein nach Hause. Wir wissen sicher, dass er das Schulgelände verlassen hat. Dies zeigen die Überwachungskameras der Schule. Die Kameras einer Tankstelle zeigen, dass er auch in diese Straße eingebogen ist. Er kam nur nicht zu Hause an. Kurz vor fünf erhielten wir den Anruf von Mrs. Bowen.“

Katharina fügte erklärend hinzu: „Ich dachte, er ist zu Freunden gegangen oder wurde in der Schule aufgehalten. Manchmal vergisst er die Zeit, wenn er in der Bibliothek sitzt. Aber nachdem ich alle angerufen hatte, die infrage kamen …“ Katharina stockte, seufzte tief und fuhr dann fort. „… alle Freunde abgeklappert, in der Schule angerufen, sogar seine Lehrer angerufen hatte, wurde mir klar, dass etwas passiert sein musste.“

Anna hörte aufmerksam zu. Sechs Tage waren eine lange Zeit. Die meisten vermissten Kinder, vor allem im pubertären Alter, tauchen nach einigen Tagen wieder auf. Viele waren einfach nur bei Freunden, hauten ab, um auf ein Konzert zu gehen, oder Ähnliches. 

„Was sagt Kilian? Weiß er irgendwas?“, fragte sie die beiden.

Ohne Zögern antwortete ihr der Garda. „Er hat ihn leider nicht gesehen. Er war, wie gesagt, in der Schule. Das haben wir überprüft.“

Katharina ergänzte: „Als er nach Hause kam und nichts zu Eóins …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „… Fernbleiben sagen konnte, habe ich die Garda informiert.“

„Und das ist auch glaubhaft? Ich meine, Sie glauben ihm, dass er nicht weiß, wo sein Bruder ist, wo er hinwollte? Eóin erwähnte ihm gegenüber nichts?“

„Nein, ich habe Kilian mehrfach gefragt. Immer wieder habe ich ihm gesagt, er soll nachdenken, ob ihm nicht doch irgendetwas einfällt. Er weiß, dass uns jede Kleinigkeit weiterhelfen würde. Aber …“, sie legte eine kurze Pause ein, schüttelte energisch den Kopf und atmete tief ein und aus. „… aber nichts. Nein, Kilian war ebenso geschockt wie wir vom Verschwinden seines Bruders. “

„Okay.“ Anna machte sich eine Notiz in ihr Notizbuch. Sechs Tage. Das war verdammt lange. Ohne eine positive Spur. „Sie sagten, es gebe eine Spur und zwei Durchsuchungen?“ 

Black nahm einen Schluck Kaffee. „Genau. Auf dem Weg zwischen Schule und seinem Zuhause wohnt ein Mann, mit dem die Jungs viel Kontakt haben. Ein Busfahrer. Bogdan Sukau, mit k. Anfänglich eine vielversprechende Spur. Zwei Hausdurchsuchungen. Ohne Erfolg.“

Die Worte erreichten Anna wie ein Baseballschläger, der ihr von hinten auf den Kopf geschlagen wurde. Kleine, weiße Punkte flimmerten vor ihren Augen. Ein Rauschen, begleitet von einem hohen piependen Ton, dröhnte in ihrem rechten Ohr. Gleichzeitig fühlte sich das Steak in ihrem Magen an, als hätte es sich in einen riesigen Gummiball verwandelt, der schwer gegen ihre Eingeweide drückte und sich immer mehr aufblähte. Kurzzeitig fürchtete sie, sich übergeben zu müssen, doch das verging zum Glück nach wenigen Sekunden wieder. 

„Bogdan Sukau, mit k“, murmelte sie vor sich hin. Etwas lauter fügte sie hinzu: „Ein polnischer Busfahrer.“ Sie starrte auf ihre Hände auf dem Tisch. 

Black schaute sie verwundert an. „Ja, ein polnischer Busfahrer“, sagte er leise und bedächtig. „Woher wissen Sie das?“

Unfähig zu antworten, starrte Anna nach wie vor reglos auf ihre Hände. Ein polnischer Busfahrer. Die Worte krochen wie ein eiskalter Schauer ihren Nacken entlang. 

Polnischer. 

Busfahrer. 

Bogdan. 

Sukau. 

Mit k. 

Die Erinnerung attackierte sie genauso, wie der Bus es damals getan hatte. 

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