Leseprobe

Aus einem der oberen Schränke über ihrer Spüle holte Lona sich eine kleine Schale und füllte Müsli hinein. Sie öffnete die Kühlschranktür, um die Milch herauszuholen. Sie hielt die geöffnete Tür in der Hand, als ihr bewusst wurde, dass etwas anders war. Mit einer schnellen Bewegung schloss sie die Tür wieder und starrte auf das Display, dass von außen in ihrer Kühlschranktür eingelassen war.
Beim Einbau der Küche hatte sie Wert auf deren Qualität gelegt, und energiesparende, smarte Geräte einbauen lassen. So war ihre Wahl auf den großen Kühlschrank gefallen, der mit unterschiedlichen Fächern mit verschiedenen Temperatur- und Feuchtigkeitszonen ausgestattet war und eben über ein Display außen an der Tür verfügte. Darüber führte Lona ihre Einkaufsliste, die augenblicklich auf ihrem Telefon erschien, wenn sie etwas darauf änderte. Außerdem konnte man darauf wie auf einem Touchscreen malen oder schreiben und – soweit sie wusste – auch Radiosender und ähnliches bedienen. 
Bis auf die Einkaufsliste hatte sie bislang keine der Funktionen benutzt. 
In diesem Moment jedoch erschienen auf dem weißen Hintergrund des Bildschirms dunkelrote Buchstaben, die aussahen, als wären sie mit Blut geschrieben. Lonas Lippen formten die Worte, jedoch brachten sie nicht mehr als ein Flüstern hervor: »Mind yourself!«
Sie ging einen Schritt zurück und wiederholte die Worte etwas lauter, als konnte sie nur so begreifen, dass dies der Wirklichkeit entsprach: »Mind yourself!«
Mehr stolperte sie die Schritte rückwärts, als dass sie ging und setzte sich auf die Lehne ihres Sofas, als sie die weiche Lehne an der Rückseite ihrer Beine spürte. 
»Pass auf dich auf? Was soll das denn?«, sprach sich laut zu sich selbst. 
Was hatte dies zu bedeuten? Und wie kamen die Buchstaben auf ihren Bildschirm am Kühlschrank?
Sie blickte sich in ihrer Wohnung um, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis zu entdecken. Dann erhob sie sich von der Sofalehne, ging zu ihrer Eingangstür und überprüfte, ob an dem Schloss zu erkennen war, dass jemand ihre Wohnung betreten hatte. Jedoch sah das Schloss unversehrt aus. Sie kontrollierte alle Fenster, dann ging sie unschlüssig zurück zum Kühlschrank. Sie starrte auf das Display. 
Sie drückte die entsprechenden Tasten auf dem Bildschirm, um das Bild verschwinden zu lassen. Jetzt spiegelte sich ihr Gesicht in dem glänzenden Schwarz des Bildschirms. Vorsichtig streckte sie den Zeigefinger aus, um das Gerät wieder einzuschalten und stellte fest, dass ihre Finger zitterten. Prompt erschien wieder das Bild und dieses Mal ging Lona näher heran. Sie fingerte mit spitzen Fingern nach ihrer Brille, die auf dem Küchentisch lag und schob ihr Gesicht nun mit der Brille auf der Nase dichter an das Bild heran.
Könnte es sich um ein voreingestelltes Bild handeln, das sie aus Versehen eingestellt hatte? Doch warum sollte ein solcher Hinweis zu den Standard-Einstellungen auf einem Kühlschrank gehören? Sie drückte weitere Knöpfe, aber das Bild verschwand nicht. 
Gerade als sie überlegte, wer dieses Rätsel würde lösen können, und ob sie den Administrator der Kanzlei auch an einem Samstag würde anrufen können, verschwand das Bild plötzlich und es erschien ein neues. In den gleichen Buchstaben stand dort plötzlich LONA.
Sie erschrak und torkelte regelrecht rückwärts. Hart stieß sie mit dem Rücken an die Arbeitsplatte der Küche, wandte den Blick jedoch nicht von den Buchstaben auf ihrem Kühlschrank. 
Was hatte das zu bedeuten?
Jetzt dachte sie nicht mehr nach, sondern griff hastig nach ihrem Telefon, das auf der Arbeitsplatte lag und wählte mit anhaltend zittrigen Fingern die Notrufnummer der Polizei.