Jede Menge Glitzer

Sie lag auf dem Rücken und alles drehte sich. Sie sah den Himmel, er war hellblau und vereinzelt schwebten ein paar Wolken vorbei. Es sah so friedlich aus. Sie konnte nichts hören. Alles schien unendlich weit entfernt zu sein. Sie war in ihrer eigenen Welt, so als ob es niemand anderen außer ihr selbst zu geben schien. Sie war bei vollem Bewusstsein. Sie spürte keinen Schmerz. 

Dabei waren in ihrem linken Bein der Oberschenkelknochen, das Schien- und Wadenbein mehrfach, will heissen mehr als zwanzig mal gebrochen und das Kniegelenk völlig zertrümmert. Die Hüfte hatte ebenfalls zahlreiche Frakturen. Am rechten Bein war das Schienbein zweimal und das Wadenbein dreifach gebrochen. Außerdem war ihre Ferse vollständig zertrümmert. Die Milz und die Leber waren gerissen, einige Rippen gebrochen und ein Knochensplitter war in den linken Lungenflügel eingedrungen, einige Finger waren gebrochen, einige Wirbel und das Gehirn und der Schädel verletzt. Sie hatte erhebliche innere Blutungen. 

Wie durch ein Wunder lebte sie. 

Melanie war vom Balkon ihrer Wohnung im dritten Obergeschoss gefallen. 

Oder war sie gesprungen? 

Sie wusste es nicht mehr genau. 

Später wurde festgestellt, dass sie vermutlich gesprungen war. 

Bei einem Suizidversuch durch einen Sprung aus dem Fenster oder eben vom Balkon landen die Betroffenen weiter weg vom Gebäude entfernt, während bei einem Unfall oder unbeabsichtigten Sturz das Opfer dichter an dem Gebäude dran liegt. Der Verunfallte würde noch versuchen, sich irgendwo am Haus festzuhalten, während der Springende meist sogar mit Anlauf vom Gebäude wegspringt, sagte der Forensiker. 

Dass Melanie überlebte, lag ausschließlich daran, dass sie zum Einen auf einen weichen Rasenuntergrund gesprungen war und an ihrer, vorsichtig gesagt, überdurchschnittlichen Leibesfülle, die einiges des Falles abgefedert hatte. 

Die Verletzungen und vor allem die Überlebenschancen hängen grundsätzlich entscheidend davon ab, in welcher Position der Körper auf welchem Untergrund aufschlägt. Durch die Trägheit der Organe kommt es beim Aufprall des Körpers zu hohen negativen Beschleunigungskräften, die Organe werden gequetscht oder zerreissen. Ein Schädel–Hirn–Trauma, also die Verletzung des Hirns und des Schädels ist dann meist Todesursache. Dabei zerplatzt der Kopf nicht wie eine Melone, wie es oft heisst oder in Filmen zu sehen ist, da die Knochen viel stärker sind als die Schale der Melone und der Schädel mit Gewebe, Muskeln, Fett und Haut überzogen ist. Wenn der Schädel also nicht bricht, kommt es zumindest zu erheblichen Gehirnerschütterungen und Hirnquetschungen. 

Die Verletzungen an Schädel und Hirn waren bei Melanie aber überraschend nicht die schlimmsten. Ihre Leibesfülle hatte dazu geführt, dass sie wie auf ein Gummiboot gesprungen war und der Kopf nicht so sehr auf dem Boden aufgeschlagen ist. Die Verletzungen ihres linken Beines waren allerdings so schwerwiegend, dass es trotz mehrfacher Operationen nicht mehr gerettet werden konnte. 

So wurde ihr das linke Bein oberhalb des Kniegelenks amputiert. Sie wurde mehrfach operiert, verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus. Anschließend sollte sie zur Reha. Diese war dringend angeraten. Zwar wurde ihr eine Prothese für das fehlende Bein empfohlen, aber noch konnte sie aufgrund der schweren Verletzungen auch am Fuss des rechten Beins und an der Hüfte und Wirbelsäule noch nicht wieder laufen und war auf einen Rollstuhl angewiesen. In intensiven Reha – Behandlungen sollte sie wieder laufen und sich bewegen lernen. 

Aber Melanie lehnte das ab. Das würde schon wieder werden. 

Schließlich war sie Jesus und sie wollte nach Hause. 

Ihr Zuhause war das Zentrum für Soziale Psychiatrie in Salzwedel. Sie lebte dort seit zwei Jahren in einer Wohngruppe, inmitten anderer Verrückter. 

So sah sie es. So wurde es ihr gesagt. Sie sei verrückt. 

Aber was wussten die anderen schon von ihr. Sie hatte eine Begabung. Sie war auserwählt. Sie war Jesus. 

Schon in ihrer Kindheit hatte sie es bemerkt, dass sie in die Leute hineinschauen konnte. Sie wusste immer ganz genau, was sie dachten. Sie konnte sich selbst außerhalb ihres Körpers sehen. Sie sah sich im Fernsehen. Das war bis heute so geblieben. Sie sah sich immer noch regelmäßig im Bild im Fernseher, bei den Nachrichten, in Talkshows und beim Wetterbericht. Die anderen behaupteten, sie sei schizophren, sie habe Wahnvorstellungen. 

Und daher lebte sie jetzt hier in einem Heim mit lauter Verrückten und keiner verstand sie. 

Daher verstand auch keiner, dass ihre Beine wieder heilen würden. Sie brauchte keine Prothese und auch keine Reha. Alles würde von selbst wieder heilen. Sie würde sich selbst wieder heilen. 

Der Sprung vom Balkon war ein Missverständnis. Das hatte sie den Therapeuten und Psychiatern auch so gesagt, aber keiner glaubte ihr. Sie hielten sie weiterhin für verrückt. 

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